Karibik vor der Haustür – von Brighton bis Weymouth


Nachdem die Anreise nach England bisher völlig entspannt verlaufen war, schalteten wir ab Eastbourne in den Cruising-Modus und starteten mit der Erkundung von für uns neuen Häfen. Ein umfangreiches Hochdrucksystem bescherte uns dabei karibisches Wetter mit mäßigem Wind und sehr warmen Temperaturen. Nur gut, dass wir uns das CO2 für einen Flug in die Karibik gespart haben!

Los ging es am 24.07. mit einem Trip über 25 Seemeilen von Eastbourne nach Brighton, vorbei an einem bekannten Wahrzeichen der Englischen Küste: den Seven Sisters und Beachy Head Cliffs. Møns Klint in Dänemark und die Kreidefelsen von Rügen sind sehr schön. Aber man lernt bei einem Segeltörn entlang der englischen Südküste schon bei den White Cliffs of Dover sehr schnell, dass die Engländer zum Thema Kreidefelsen in einer eigenen Liga spielen – sehr beeindruckend! Die Einfahrt in den Hafen von Brighton war laut Auskunft des Hafenmeisters tidenbedingt für uns wegen zu geringer Wassertiefe im Zeitraum 2h vor bis 2h nach Niedrigwasser nicht möglich. Da die windhexe wie so häufig schnell unterwegs war, kamen wir zu früh an und mussten vor dem Hafen nur unter Großsegel eine Stunde hin und her fahren und auf die Tide warten. Es fühlte sich an wie die Wartezeit an der Startlinie vor dem Start einer Regatta⛵️. Bei der Einfahrt betrug die Wassertiefe dann immer mindestens 4m. Entweder sie hatten die Fahrrinne vor Kurzem ausgebaggert, oder der Hafenmeister war sehr vorsichtig! Wir hätten früher in den Hafen fahren können. 

Auf den ersten Blick macht der Hafen von Brighton keinen sehr schönen Eindruck, zugebaut, touristisch und voll. Aber Brighton lohnt unbedingt einen zweiten Blick! Sei es Volk’s Electric Railway die angeblich älteste noch funktionierende elektrische Eisenbahn der Welt, ein Spaziergang entlang der Kreidefelsen zum Undercliff Cafe, oder der Stadtteil „The Lanes“ mit seinen verwinkelten Gassen, ein Hafentag ist schnell herum. Ob man den Brighton Palace Pier besuchen möchte, ist Geschmacksache. Vor dem Pier trafen wir mehrere britische Vespafahrer mit liebevoll hergerichteten Vespa-Rollern, die schnell in eine Diskussion mit uns kamen über „F__ing Liverpool“ und die Tatsache, dass ich dem früheren deutschen Liverpooltrainer sehr ähnlich sehen würde 🫣. Nach Abwägung der Tatsachen (ich bin drei Jahre älter, den Dreitagebart trage ich schon viel länger, meine Haare sind alle noch an ihrer originalen Position, meine Zähne haben noch ihre Ursprungsfarbe) war dann aber klar: wenn überhaupt versucht J. K. tendenziell eher, so ähnlich wie ich auszusehen und nicht anders herum 🤣 (Wobei ich mir sehr sicher bin, dass er mich gar nicht kennt, Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind ja wie immer rein zufällig)! Auf jeden Fall scheint der FC Liverpool hier nicht sehr beliebt zu sein.

Die nächste Station auf userer Reise war dann der Hafen von Haslar bei Portsmouth. Haslar liegt am östlichen Eingang des Solent gegenüber der Isle of Wight. Schon während der Ansteuerung überraschte uns ein großes Getöse, als eine Hovercraft-Fähre an uns vorbei fuhr. Es fühlte sich an wie ein Relikt aus der Dinosaurierzeit. Im Yachthafen lädt ein altes Leuchtschiff, The Lightship at Haslar Marina zum Verweilen ein und bietet einen tollen Blick auf die Skyline von Portsmouth. Auch zwei Flugzeugträger der britischen Marine boten einen imposanten Eindruck.

Von Haslar segelten wir am 29.07. durch den Solent weiter bis nach Lymington. Im Yachthafen fielen sofort die großen Motoryachten und auf dem Parkplatz dann die hohe Porsche- und Bentley-Dichte auf, nicht so wirklich unsere Klientel. Um 17:00h klappen die Bürgersteige hoch, worauf man uns im Musto-Geschäft deutlich hinwies („We’re closing at five!“). Der geplante Einkauf fiel daraufhin natürlich aus, Ladenschluss geht halt vor Umsatz! Die Hafengebühren werden nach Westen hin auch immer teurer. Letztendlich bleibt Lymington uns aber in Erinnerung als Ort der 1000 Eisdielen. Gefühlt besteht die halbe Einkaufsstraße nur aus Eisdielen, die Auswahl ist groß, lecker und fällt schwer!

Am 30.07. gab es unter Motor einen kurzen Hüpfer über den Solent in den nächsten Hafen nach Yarmouth. Der Anleger war nicht ganz einfach, es gibt je nach Tide Strömung im Hafen! Aber wir hatten sehr nette Helfer. Neben uns im Päckchen legte kurze Zeit später die „Schoon Schip“ an, eine Dehler 38 SQ. Der Bootsname „Schoon Schip“ ist ein Teekesselchen und hat im niederländischen zwei Bedeutungen, Schoon=Reinigen im Sinne von „Schön machen“, und im Sinne von „den Kopf frei bekommen“. Ein guter Name! Nachdem wir vor ein paar Tagen schon den Seven Sisters begegnet sind, hatten wir jetzt die Two Sisters – die Dehler  38 und die XP-38 sind ja sehr ähnliche Schiffe. By the way, kennt jemand die Five Sisters, die Gorch Fock und ihre vier Schwesterschiffe? Nachdem noch weitere Boote angekommen waren und in Päckchen angelegt hatten, entwickelte sich im Hafen eine sehr nette Atmosphäre, ein bisschen so wie früher auf der Insel Vlieland, bevor der Yachthafen dort erweitert und umgebaut wurde. Am nächsten Hafentag stand eine Radtour an die Westspitze der Isle of Wight zu den Needles an, einem unter Seglern sehr bekannten Wahrzeichen. Diese Felsformation kennt jeder, der den Solent Richtung Westen bereist hat.

Die nächste Station auf unserem „Karibiktörn“ führte uns nach Poole. Poole liegt an der Bucht Poole Harbour, die fest in der Hand der Wassersportler ist. Auch die Sunseeker Werft liegt hier. Bei der Einfahrt fühlt man sich ein bisschen auf einem Binnensee wie dem Baldeneysee in Essen mit viele Segelbooten und Regattaaktivitäten. Da wir einen Liegeplatz in der MDL Cobbs Quay Marina gebucht hatten, mussten wir unter der Twin Sails Bridge, einer spektakulären Klappbrücke hindurch.

Nach einer kurzen Stippvisite am 02.08. in Portland Habour, dem ehemaligen Olympiahafen der Olympiade von 2012 gönnten wir uns zwei Hafentage in Weymouth im Stadthafen. Das Stone Pier Cafe wurde zu einem täglichen Ziel, wir bewunderten am ersten Abend das Feuerwerk und hatten Zeit für eine Radtour um den Radipole Park. Und endlich war auch Gelegenheit zu einem „erfolgreichen“ Besuch eines englischen (nein, kein Vinyl Fussboden) Vinyl Plattenladens.

Auffällig ist auch, dass immer mehr Palmen hier im Freien wachsen, je weiter wir nach Westen segeln. Richtig karibisch halt!

Mit der Windhexe von Eastbourne bis Weymouth


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